| bitterlemmer |

Christoph Lemmer  //  

Dec 13 / 11:03pm

Hamburgische Sondersteuer für das revolutionäre Nicaragua

Freiwilligkeit kann man offenbar unterschiedlich auffassen. Tut ein Kollektiv etwas freiwillig, so heißt das noch nicht, dass jeder einzelne freiwillig mitmacht. Wie bei der von ganz oben eingetüteten Spende der 25.000 öffentlich Bediensteten in Hamburg. Die ist für Nicaragua bestimmt, genauer: Als Entwicklungshilf

Comments (0)

Apr 14 / 11:51pm

"...vorsichtig sein bei Frischmilch..."

[caption id="attachment_4469" align="alignright" width="288" caption="Achtung! Dieses Glas vorsichtig leeren, raten "unabhängige" Nuklear-Experten der taz"]
Media_httpwwwbitterle_bsdzk
[/caption] Manchmal würde ich Journalistenkollegen gern fragen, ob sie beim Schreiben auch denken. Etwa, als ich heute diesen Satz auf der taz-Webseite las: "Unabhängige Forscher raten der Bevölkerung, sich nicht auf Regenwasser als Trinkwasser zu verlassen". In dem Text ging es darum, dass in Südwestfrankreich leichte Radioaktivität in Regenwasser gemessen wurde, 8,5 Becquerel, wie die taz notierte. Also werde ich ab sofort  etwas anderes trinken als immer nur Regenwasser, danke, wäre ich allein nicht drauf gekommen. Genauso hirnrissig ist diese Formulierung: "Schwangere, stillende Mütter oder Kinder sollten vorsichtig sein bei Frischmilch, Frischkäse und dem Verzehr von Spinat, Salat und Kohl. " Heißt jetzt genau was? Nur kleine Schlucke? Frischkäse nur lutschen? Spinat und Salat schön kleinschneiden? Brustwarzen vor dem Stillen desinfizieren? Was überdies in dem Artikel fehlte: In Deutschland gilt ein Grenzwert von 600 Becquerel pro Liter. Alles darunter ist nach amtlicher Lesart unbedenklich. Bei Milch und Babynahrung gilt ein strengerer Grenzwert: 370 Becquerel pro Liter. Aber egal. Angst machen ist ja auch viel schöner.
Filed under  //  Fukushima   Propaganda   Yessay   radioaktiv   taz  

Comments (0)

Apr 14 / 10:11pm

Ai Weiwei und Chinas Rückkehr in den Maoismus

[caption id="attachment_4464" align="alignright" width="450" caption="Pornograf, Bigamist, Wirtschaftsverbrecher? In Wahrheit ist Ai Weiwei der chinesischen Führung nur unbequem"]
Media_httpwwwbitterle_qiijj
[/caption] Die Vorwürfe gegen den Künstler Ai Weiwei werden immer abstruser. Er soll wegen Bigamie und Pornografie angeklagt werden, berichtet eine Hongkonger Zeitung (was der ftd auffiel). Bis dahin war nur wolkig von Wirtschaftsverbrechen die Rede. Was fällt den Herrschern in Peking noch ein? Es sieht ohnehin gerade so aus, als würden Chinas Kommunisten das Rad zurückdrehen und sich auf den Terrorkurs ihres nach wie vor verehrten Ahnherren Mao besinnen. In Tibet verprügelten Polizisten buddhistische Mönche und verfrachteten um die 80 von ihnen zur sogenannten Umerziehung. Journalisten klagen über zunehmende Repression. Auf Kritik von außen reagiert das Regime zunehmend aggressiv. Und Nobelpreisträger Liu Xiaobo, nach offizieller Sprachregelung ein "Krimineller" wie Ai Weiwei, schmort immer noch im Gefängnis. Womöglich hat die chinesische Führung fürs Erste genug davon, dass sich in den letzten Jahren Intellektuelle und Künstler ein paar Freiheiten herausgenommen haben. Dass im Gefolge des wirtschaftlichen Aufstiegs auch das Selbstbewusstsein mancher Leute wuchs. Dass der freie Fluss von Informationen wegen des Internets immer schwerer zu zensieren ist. Dass die Debatten im Land immer schärfer werden, auf allen Ebenen: Über die korrupten Parteikader überall im Land, über die Rivalität des Nordens (Peking) mit dem Süden (Guangdong), über die wachsende Unzufriedenheit der ethnischen und nationalen Minderheiten (Uiguren, Tibeter, etliche andere). Damit wäre dann auch die sogenannte Annäherung des Westens mit China beendet. Europa und die USA werden sich vermutlich weiterhin peinlich an die Kommunisten ranschmeißen, aber nützen wird das nichts. Schon Mao war es herzlich egal, ob für seine Macht mal ein paar Millionen Menschen sterben. Wie gesagt - für seine Nachfolger gilt er immer noch als Vorbild.  
Filed under  //  Ai Weiwei   China   Liu Xiaobo   Mao   Yessay  

Comments (0)

Apr 11 / 1:22pm

Wer soll die FDP wählen, wenn der neue Chef die letzten Positionen schleift?

[caption id="attachment_4455" align="alignright" width="280" caption="Wer die FDP wegen ihres Steuerversprechens gewählt hat, war halt leichtgläubig: Rösler schwenkt auf Konsenskurs um"]
Media_httpwwwbitterle_sqgik
[/caption] Wer partout dabei bleibt, es sei richtig, Steuern so niedrig wie möglich zu halten, darf längst nicht mehr auf eine inhaltliche Debatte hoffen. Er gilt als unbelehrbar. Steuersenkung gilt fast allen Medien und Parteien als unvernünftig. Die FDP, jedenfalls ein paar versprengte Reste von ihr, galten darum, um es mit der Kanzlerin zu sagen, als wenig hilfreich und die Mehrheitsmeinung als alternativlos. Jetzt ist diese Bastion geschliffen. Der künftige FDP-Chef Philipp Rösler ist auf Konsenskurs eingeschwenkt und akzeptiert die angreifbare Einheitsansicht, der Haushalt sei ohne hohe Steuern nicht zu sanieren. Die Wähler, die die FDP bei der letzten Wahl mit 15 Prozent der Stimmen ausstatteten, dürften das anders sehen, denn sie haben die sogenannten Liberalen nicht zuletzt für das Versprechen gewählt, die Steuern zu senken. Dass die FDP so viele Stimmen bekam, hat vermutlich mit dem ausdrücklichen Wunsch zu tun, nicht nur eine bürgerliche Koalition an der Regierung zu sehen, sondern der CDU in einem solchen Bündnis wenigstens einen Teil ihrer sozialdemokratischen Anwandlungen auszutreiben. Die Wähler, die das so sehen, sind dabei keineswegs unvernünftig, sondern sehen die Dinge schlicht anders als die Etatisten nunmehr aller Parteien. Steuersenkung war ja nicht das einzige liberale Wahlversprechen. Dazu gehörte auch ein Abbau der Bürokratie und das radikale Streichen von Subventionen. Letztere machen 165 Milliarden Euro jährlich aus und sind ausnahmslos schädlich und lähmend. Wer behauptet, Steuersenkungen seien unvernünftig, wenn es um die Haushaltssanierung geht, sollte sich prüfen: Subventionen sind dann erst recht unvernünftig.
Media_httpwwwbitterle_iqpcl
Absurderweise reagiert die Etatisten-Front auch nicht auf die guten Konjunkturzahlen. Politiker sind wirklich komische Menschen. Wenn es darum geht, das Wachstum von 2,8 Prozent dieses Jahr zu verkaufen, dann reden sie von großen Erfolgen. Wenn es darum geht, ihre Ausgaben an den Aufschwung anzupassen, sind sie zurückhaltend. Denn Wachstum müsste bedeuten, die Ausgaben zu senken. Irgendwo findet sich aber immer ein Projekt, von dem jemand sagt, es sei unverzichtbar. Typisch für die Bürokratie auch dies: Die Krise ist zwar längst vorbei, aber noch immer schwirren Milliarden des Wachstumsförderungsgesetzes herum. Die Wirtschasft wächst zwar wieder von allein, aber dennoch haut der Staat das Geld noch auf den Kopf, obwohl der Anlass längst nicht mehr besteht.
Media_httpwwwbitterle_cszih
Neu ist solches Verhalten nicht. Der britische Ökonom John Maynard Keynes brandmarkte es kurz vor seinem Tod, weil die britische Regierung damals ihre Ausgaben erhöhte, obwohl die Konjunktur lief. Dabei berief sie sich auch noch auf seine Lehren. Die besagen, der Staat könne der Wirtschaft nützen, wenn er in schwachen Phasen seine Ausgaben erhöht und durch antizyklisches Verhalten Stabilität schafft. Bis heute berufen sich Regierungen gern auf Keynes, wobei sie regelmäßig vergessen, was er für die Zeiten des Aufschwungs empfiehlt: Geld für schlechte Zeiten zurücklegen. Und noch etwas vergessen die Etatisten: Weniger Steuern und weniger Aufwand haben produktive Effekte. Sie wirken als Anreiz zu Leistung und Steuerehrlichkeit. Das wies zuletzt der Ökonom Arthur Laffer nach. Erhöht man die Abgaben bis zu einem gewissen Grad, steigen die Einnahmen des Staates bis zu einem Maximum an. Erhöht man sie dann weiter, sinken sie wieder, weil Produktivität und Ehrlichkeit sinken und der Schwarzmarkt zunimmt und ein immer größerer Anteil am Staat vorbeigewirtschaftet wird. Nun gut. Wer so denkt, findet keine Partei mehr, die er wählen kann. Er gehört zu den Unvernünftigen, wie er sich jetzt auch vom künftigen FDP-Chef sagen lassen muss.
Filed under  //  Yessay  

Comments (0)

Apr 10 / 10:41pm

Weiterbildung für Hartz-IV-Empfänger: Im Inneren der Betrugsmaschine

Eine alte Bekannte rief an. Ob ich Zeit und Lust hätte, einen Kurs zu leiten, in dem Langzeitarbeitslose zu Mediengestaltern weitergebildet werden. Ich war ein bisschen baff und fragte, ob sie das ernst meine. Ja, sagte sie und schickte mir eine Art Lehrplan. Da stand alles mögliche drin: Medienrecht, journalistische Arbeit, journalistisches Schreiben, Grafik, Webseiten gestalten. Mein Part solle das journalistische Schreiben sein, sagte die Bekannte. Ich war skeptisch. Nicht, dass ich Vorurteile gegen Langzeitarbeitslose hegen würde, aber ich konnte mir nicht vorstellen, was dabei herauskommen soll. Ich sagte trotzdem für eine Woche zu. Und stellte fest, dass ich damit Teil einer gewaltigen, von der Politik installierten Betrugsmaschine wurde. Langzeitarbeitslose werden gern in sogenannte Maßnahmen gesteckt. Politiker und Arbeitsagenten behaupten, solche Maßnahmen würden die Wiedereingliederung der Langzeitarbeitslosen in die Arbeitswelt befördern. Tatsächlich dienen sie wohl hauptsächlich dazu, die Arbeitslosenstatistik zu verschönern. Dass die Maßnahmen tatsächlich erfolgreich seien, konnte noch nie nachgewiesen werden. Das wundert mich jetzt noch weniger als zuvor. Im Gegenteil: Ich weiß jetzt aus der Insider-Perspektive, dass Politiker vorsätzlich lügen, wenn sie ihre Maßnahmen-Politik feiern. Denn ausnahmslos alle Beteiligten wissen, dass das nichts als Steuergeld-Betrug ist. Die Betreiber dieser Firma, die sich frecherweise als "gemeinnützige" GmbH registriert hat, die Hartz-IV-Empfänger und, wenn sie nicht blind und blöd sind, auch die Arbeitsagenten. An einem Montag früh begann der Kurs. Zu Beginn fragte ich die Gruppe, was sie sich von einer Weiterbildung in Mediengestaltung erwarte. Die Frage kam nicht besonders gut an. Zunächst war niemand zu einer Antwort zu bewegen. Als ich den einen oder anderen zu sehr nervte, kam heraus, dass sich niemand freiwillig angemeldet habe. Vielmehr seien sie geschickt worden, und würden sie nicht erscheinen, gäbe es kein Geld mehr. Und da sollte ich jetzt über journalistisches Schreiben referieren? Wenig später rief der Chef der Firma an, Herr A. Er erklärte mir in nicht immer leicht verständlichem deutsch die speziellen Tücken meiner Gruppe. Ein Teil käme aus einer sogenannten Firma des sogenannten öffentlichen Beschäftigungssektors, den die Linkspartei als Vorzeigeprojekt in Berlin durchgesetzt hat, der Rest sei von der Arbeitsagentur geschickt worden. Den Leuten aus der ÖBS-Firma gehe es nur um Online-Medien, aber davon möge ich mich bitte nicht beeindrucken lassen. Nach dem Gespräch hatte ich den Eindruck, er habe mir etwas sagen wollen, was ich nicht verstand. Nachdem der erste Tag entsetzlich zäh vorüberging, brach der zweite an. Ich trat mit neuem Konzept an. Journalistisches Schreiben, da konnte mir Herr A. erzählen, was er wollte, war definitiv eine schlechte Idee. Also fragte ich, ob sich jemand dafür interessiere, wie man eine ausgefuchste Webseite mit Datenbank installiert, so etwas wie dieses Wordpress-Blog. Zumindest sagte niemand nein. Ich hatte mich vorher erkundigt, ob auf den Computern im Klassenzimmer alles nötige dafür installiert sei und hatte ein entschiedenes Ja zur Antwort bekommen. Wie ich jetzt feststellte, stimmte das auch, nur war nichts fertig installiert und konfiguriert. Es verging also wieder einige Zeit, die ich den IT-Mann am Telefon hatte und mit seiner Hilfe den Apache-Server und den Rest startklar machte. Die Teilnehmer surften derweil im Netz herum. Ja, das wenigstens muss man sagen: Die Ausstattung des Klassenzimmers war großartig. Auf jedem Platz war sogar die volle schweineteure Adobe-Creativ-Suite installiert, mit allen Komponenten, Photoshop, Illustrator und InDesign. Außer Photoshop war keines der Programme je gestartet worden. Am Mittwoch früh ritt mich ein Teufelchen und ich wiederholte meine Frage vom Montag. Was, liebe Leute, wollte ihr eigentlich hier? Was erwartet ihr, wenn ihr nichts, wirklich gar nichts, zum Gelingen dieses Kurses beitragt? Für einen Moment war es totenstill. Dann fragte eine Frau, die in der letzten Reihe saß, ebenso deutlich zurück: Ob ich ernsthaft glaube, sie oder sonstwer hier würde nach einem solchen Kurs auch nur den Funken einer Chance haben, tatsächlich als Mediengestalter beschäftigt zu werden? Zustimmendes Geraune. Jetzt war die Gruppe zum ersten Mal richtig wach. Okay, sagte ich, dann reden wir jetzt darüber, was das hier soll und was wir daraus machen können. Das taten wir dann auch. Ich stellte fest, dass meine Teilnehmer ziemlich gut durchblicken, was um sie herum passiert. Wir einigten uns darauf, dass wir jetzt Webseiten bauen, weil das den einen oder anderen privat interessierte. Wenig später öffnete sich die Tür und ein kleiner Mann mit weißem Hemd und grauer Anzughose kam herein. Er setzte sich an einen Platz, zog ein Formular hervor und rief einen Namen auf. Der Betreffende eilte zu ihm und die beiden erledigten irgendeinen Papierkram. Ich fragte den Mann, wer er sei. "Komme von Chef", sagte er. "Sie stören den Unterricht", gab ich zurück. Er antwortete nicht, sondern befragte den jungen Mann unbeeindruckt weiter. "Könnten Sie bitte sofort den Raum verlassen?", forderte ich den Mann auf. "Muss machen Formular", antwortete der. Darauf rief ich Herrn A. an. Herr A. sagte, es handele sich wirklich um seinen Mitarbeiter, und es sei wichtig, dass das Formular ausgefüllt werden. Ich war wütend und fragte Herrn A., ob er eigentlich wisse, dass dieser Kurs völlig sinnlos sei und niemanden in Lohn und Brot bringen würde. Herr A. antwortete: "Das weiß ich". Dann fragte ich ihn, was dieser ganz Zirkus mit Lehrplan, Medienrecht, etc. solle. "Ach", antwortete Herr A., "das ist doch nur Verpackung, verstehen Sie?" Ich würde es anders nennen: Kundenbindungsprogramm der Bundesagentur für Arbeit und der mit ihr verbundenen Politiker.

Comments (8)

Apr 10 / 7:02pm

Kristina Schröder entsorgt den "Feminismus des vorigen Jahrhunderts"

[caption id="attachment_4440" align="alignright" width="300" caption="Sie führt den Diskurs, den die Kanzlerin verweigert: Familienministerin Kristina Schröder"]
Media_httpwwwbitterle_eaqbc
[/caption] Familienministerin Kristina Schröder wird vielleicht deshalb gern unterschätzt, weil sie erst 33 Jahre alt ist. Dabei gibt es keinen anderen Akteur des bürgerlich-liberalen Lagers, der sich wie sie zum politischen Diskurs aufrafft. Während etwa der kommende FDP-Chef Philipp Röseler nur noch verwaltungstechnisches Klein-Klein betreibt, verändert Kristina Schröder die Gesellschaft. In der FAS hat sie eine scharfe Granate auf Alice Schwarzer, den Lila-Latzhosen-Feminismus und die 68er abgeschossen. Nicht zum ersten Mal. Darin streicht sie die Forderung nach amtlichen Leitbildern, denen sich Frauen und Männer zu beugen haben, so, wie die Schwarzer-Generation das mit ihren Gleichstellungsbeauftragten auf allen politischen Ebenen, ihren Gender-Lehrstühlen an jeder Uni und ihren quälenden Wortfindungsdebatten über geschlechtsneutrale Sprache in jeder Parteiversammlung von SPD und Grünen durchgesetzt haben. Eine "zeitgemäße Gleichstellungspolitik", schreibt Schröder, folge nicht dem Anspruch, "alte Rollenmuster durch neue Rollenmuster zu ersetzen". Vielmehr gehe es darum, "Frauen und Männern Gestaltungsfreiheit über ihren eigenen Lebensentwurf zu geben". Eine solche Forderung ist wohltuend freiheitlich und auch eine scharfe Abkehr der Gender-Politik ihrer Vorgängerin von der Leyen. Den "Feminismus des vorigen Jahrhunderts" nennt sie einen "Geschlechterkampf". Er habe Frauen und Männer gegeneinander ausgespielt. Dem setzt sie die Partnerschaft und die Bindung von Familien entgegen. Den Feministinnen vom Schlage Alice Schwarzers wirft sie vor, es gehe ihnen in Wahrheit längst nicht mehr um Gleichberechtigung. Manche "Altfeministinnen" würden aus egoisitischen Eigeninteressen "vor allem den Benachteiligtenstatus der Frau verteidigen wollen". Schröder: "Wir haben uns so sehr an den Monopolanspruch der Frauenpolitik auf alle Belange der Gleichberechtigung gewöhnt, dass der Gedanke, Jungen und Männer in die Gleichstellungspolitik einzubeziehen, im besten Fall ignoriert und im schlechtesten Fall als Verrat an den Zielen der Frauenbewegung gebrandmarkt wird." Als Beleg nennt sie die faktische Gleichsetzung von Gleichstellungspolitik mit Frauenförderung und das Fehlen einer gezielten Förderung von Jungen, obwohl die heute "erwiesenermaßen" die Bildungsverlierer seien. Kein Zufall ist sicher auch der Zeitpunkt ihrer Attacke. Kommenden Donnerstag findet zum ersten Mal der bundesweite Boys' Day statt, den sie für Jungen initiiert. Bisher gab es nur einen Girls' Day, dessen Initiatoren Jungen ermahnten, diesen Tag zur Einkehr und Buße zu nutzen. Sie sollten über männliches und weibliches Rollenverhalten nachdenken, während Mädchen durch Betriebe geführt wurden und Kontakt zu künftigen Ausbildern knüpfen konnten.  
Filed under  //  Boy's Day   Gender   Kristina Schröder   Yessay  

Comments (0)

Apr 10 / 5:44pm

Der Agrar-Konzernchef, dem angesichts der Massenkarambolage auf der A 19 nur zynischer Bürokratenkram einfällt

Acht Tote, 41 Verletzte, 82 Autos, die in einer aufgewehten Sandwolke auf der Autobahn A19 südlich von Rostock ineinanderkrachten. Es war einer der massivsten Unfälle der letzten Zeit, und offenbar hat er eine tiefere Ursache: Die Leichtfertigkeit der Landwirtschaft. Jedenfalls meint das der BUND, dessen Sprecher Burkhard Roloff vor allem den Landbau im Osten mit seinen riesigen Flächen und anonymen Agrarkonzernen ins Visier nimmt. "Durch die jahrelange Vernachlässigung der Bodenstruktur haben die Böden immer weniger Humusgehalt". Das sei ein Erbe der DDR-Landwirtschaft und anders als etwa in Schleswig-Holsteins, wo Knicks und Büsche das Aufwehen großer Sandwolken verhindern. Umso absurder die Antwort, die der Betriebsleiter des an die Autobahn grenzenden Gut Dummerstorf, Klaus Paar, einem Reporter der Agentur dapd gab. Der Reporter wollte wissen, ob es nicht angebracht wäre, an der Autobahn eine Windschutzhecke oder ähnliches anzupflanzen. Paar antwortete: "Dem müssen zahlreiche Anträge und Genehmigungsverfahren vorausgehen und um Ende stellt sich auch die Frage, wer soll das bezahlen". Die Frage, wer für die Unfallschäden bezahlt, stellt sich also nicht? Und die Toten und Verletzten sind weniger wichtig als die Abneigung gegen "Anträge und Genehmigungsverfahren"? Diese Antwort klingt, als sei der Betriebsleiter saufroh, sein Desinteresse hinter typisch deutscher Bürokratieseeligkeit verstecken zu können. Dieser Mann gehört auf der Stelle gefeuert.
Filed under  //  A 19   Landwirtschaft   Massenkarambolage   Mecklenburg-Vorpommern   Story  

Comments (3)

Apr 10 / 4:59pm

Der Bus, der 23 Passagiere mit Tempo 250 ans Ziel katapultiert

[video mp4="http://www.bitterlemmer.net/wp/wp-content/video/superbus.mp4" preload="true" width="640" height="400"] Der Niederländische Astronaut und Ingenieur Wubbo Ockels, Professor an der Technischen Universtität Delft, hat ein Gefährt erfunden, das schneller und komfortabler unterwegs sein soll als das, was bisher auf den Straßen rollt. Sein Superbus sieht aus wie ein extrem gestreckter Sportwagen, und im Prinzip ist er das auch. Seine vier Elektromotoren leisten 400 PS. Die Reisegeschwindigkeit beträgt 250 Stundenkilometer. Acht Flügeltüren sollen einen komfortablen Einstieg ermöglichen. Einen Chauffeur braucht der nur auf normalen Straßen. Entschließt sich ein Land oder eine Region zum Bau spezieller "Supertracks", fährt der Superbus auch fahrerlos. Der Prototyp sieht schon sehr fertig aus und sorgt derzeit für viel Aufsehen. Anfang April wurde er in Dubai vorgestellt. Dort gibt es Pläne, den Superbus als luxuriöses Nahverkehrsmittel einzusetzen und dabei auch das Gesamtkonzept der Delfter zu verwirklichen. Bis 2015 will Ockels sein Produkt serienreif haben. Nach seinen Worten ist sein Superbussystem billiger als ein Bahnsystem und zudem viel flexibler. Fahrgäste können sich per Handy bei der Zentrale melden. Die leitet den nächsten Superbus so um, dass er möglichst zügig vorbeikommt, ohne allzu weit von seiner Route abzuweichen. Das ähnelt dem Prinzip von Sammeltaxis, die es in Deutschland bekanntlich nicht gibt, weil die Lobbys von Bahn, regionalen Verkehrsverbünden und Taxis die Konkurrenz fürchten und bisher die Politiker im Griff haben.
Filed under  //  Dubai   Sammeltaxi   Story   Superbus   Verkehr  

Comments (0)

Apr 10 / 7:01am

Wie private und halbgewerbliche Fahrer der Bahn Konkurrenz machen

[caption id="attachment_4380" align="aligncenter" width="640" caption="Kurze Pause auf dem Rastplatz: Der Besitzer dieses Kleinbusses inseriert private Mitfahrgelegenheiten, dürfte aber eher kommerziell unterwegs sein"]
Media_httpwwwbitterle_jzhbt
[/caption] Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich eine neue Transportbranche entwickelt, die von der Unfähigkeit der staatlich geplanten Großsysteme profitiert. Auf den Webseiten von Mitfahrzentralen tummeln sich immer häufiger Anbieter, deren Fahrten wohl eher gewerblich als privat sind. Ihre großen Konkurrenten schlagen sie in fast allen Disziplinen. Und irgendwie muss man ja von A nach B kommen.
Media_httpwwwbitterle_dbtui
In den letzten Wochen buchte ich häufiger Fahrten bei Mitfahrgelegenheiten.de. Meistens waren es private Fahrer, die unterwegs gern Gesellschaft haben und sich einen Beitrag zu den Benzinkosten wünschen. Gelegentlich waren es aber auch Fahrer, die zwar privat auftraten, aber anders wirkten. Beispiel: Treffpunkt Petuelring in München zur Abfahrt nach Berlin. Ein junger Türke spricht mich an, ob ich zu denen gehöre, die bei ihm eine Mitfahrt gebucht haben. Er lotst mich in eine Seitenstraße, in der sein Mercedes-Kleinbus parkt. Wenig später sind alle Sitze belegt -  acht an der Zahl. Jeder Mitfahrer zahlt 30 Euro, die Fahrt geht los. Knapp sechs Stunden später sind wir in Berlin. Der Fahrer hatte es gemütlich angehen lassen, außerdem legte er eine Pause ein. Schneller als der ICE war die Fahrt dennoch. Und witziger. Neben mir, auf dem Mittelplatz, saß ein junger Mann, der ein arg bessessen war von seinem iPhone und seinem iPad. Mal zog er das eine, dann das andere Gerät hervor und tat beschäftigt. Rechts neben ihm saß eine junge Frau, die das erstmal langweilte, die dann aber auftaute, als der junge Mann Angry Birds spielte. Nach kurzer Zeit hatte sie es geschafft, sich das iPad auszuleihen und katapultierte dann selber über den iPad-Schirm. Hinter mir hustete ein skurriler Typ mit enormen Koteletten und entschuldigte sich jedesmal höflich mit dem Hinweis, er habe eine chronische Lungenentzündung. Wann immer sich eine Gelegenheit ergab, zündete er sich eine Zigarette an. Später erzählte er, er sei Death-Metal-Musiker und habe gerade eine längere Tour hinter sich. Vorn saß eine heftig aufgetakelte junge Dame, die während der gesamten Fahrt angestrengt auf die Straße guckte.
Media_httpwwwbitterle_pvvfu
Einen Platz zum Mitfahren zu bekommen ist problemlos. Da hatte ich noch nie ein Problem. Umgekehrt bin ich auch schon selber gefahren und habe Mitfahrplätze angeboten. Das klappt nicht immer. Offenbar ist das Angebot an Plätzen größer als die Nachfrage. Aber die Branche professionalisiert sich. Die Standardziele sind fast fahrplanmäßig zu erreichen. Nach oder von Berlin, Hamburg, Köln oder München gibt es Dutzende Fahrten täglich. Man kann sich aussuchen, ob man am Morgen oder am Abend reisen möchte. Im Vergleich mit der Bahn schneidet das Verkehrsmittel MFG nicht schlecht ab. Es ist deutlich billiger und selbst auf ICE-Strecken schneller, erst recht, seit die Bahn ein Tempolimit von 160 einführte. Bei der Sicherheit dürfte die Bahn vorn liegen. Als Fahrgast weiß man im vorhinein nicht, wie fähig der Fahrer ist, dem man sich anvertraut. Auch die Platzverhältnisse sind im Zug meist besser. In punkto Pünktlichkeit schlägt MFG die Bahn gefühlt um Längen. Verlässlich ist die Methode auch. Bisher hat mich kein Fahrer im Stich gelassen. Angesichts der absehbaren weiteren Verschlechterungen bei der Bahn dürfte MFG noch attraktiver werden.
Filed under  //  Bahn   Mitfahrgelegenheit   Reisen   Yessay  

Comments (0)

Apr 8 / 3:41pm

Der Traum vom Pionier-Dasein

[caption id="attachment_4357" align="aligncenter" width="640" caption="Schaufenster des Diesel-Ladens am Kudamm in Berlin – mit einem ziemlich rebellischen Plakat fürs wilde Image"]
Media_httpwwwbitterle_aycxh
[/caption] Stell' Dir vor, es gäbe ein leeres Land, das auf Leute wie Dich wartet. Niemand, der da lebt. Platz, so viel Du willst. Nichts von dem, was hier nervt. Ein jungfräulicher Flecken. Eine originelle Idee, die sich die Jeansfirma Diesel da ausgedacht hat. Natürlich denken die Diesel-Werber bei ihrem romantischen Flecken an tropische Idylle. Aber was, wenn man den Pioniergeist auf das demnächst real sehr idyllische Mecklenburg-Vorpommern projizieren würde? Wie wäre es, fragt das Plakat im Schaufenster, eine komplett neue Nation von Null aus zu starten? Nur das mitzunehmen, was Dir an Deiner alten Welt gefällt. Die Regeln einfach umzuschreiben. Richtig zu machen, was hier gesellschaftlich falsch läuft. Für die Inselwelt, die die Modeleute auf ihrer Micro-Site gebastelt haben, haben sie sogar Ureinwohner erfunden, mit denen sich die virtuellen Siedler arrangieren mussten. Nicht, indem sie sie masskriert haben, sondern sie mit schön viel Geld schmierten. Träum weiter, könnte jetzt jemand antworten. Anmerken, das alles sei nur eine Vision, eine Utopie, ein exotisches Gedankenspiel, um einer Modemarke ein cooles Images zu verleihen. Aber immer erstmal nein zu sagen, jede neue Idee für unmöglich zu erklären, schon das Denken von Utopien zu verbieten, das ist ja gerade das, was die Fantasie beflügelt. Nicht die Palmen machen den Reiz aus, sondern das leere Land, das darauf wartet, dass jemand etwas daraus macht. Zu finden wäre das leere Land in Deutschlands Osten. Warten wir noch 20, vielleicht 30 Jahre ab. Die Politiker, die uns heute in die Lethargie führen, mit ihren Staatsschulden, ihrer Rentengarantie, ihren rückwärtsgewandten Konzepten und ihrer Angst vor Veränderung, die werden dann nicht mehr da sein. Mit Ihnen werden ganze Städte verschwinden, jedenfalls die Menschen darin, und das nicht nur in Meckpomm. Schon heute kann einen Eindruck davon gewinnen, wer durch Zittau, Oranienburg oder diverse Leipziger Stadtviertel geht. Da stehen viele halbverfallene Häuser, aber nur wenige Menschen wohnen dort. Ungewohnt still ist es dort. Nachts bleibt es hinter den Fenstern dunkel, viel Glas ist zersplittert, Türen mit Brettern vernagelt. Fast rührend, dass die Stadtgroßväter noch die Straßenlaternen einschalten lassen und so die Illusion wachhalten, irgendwann könne sich doch noch jemand auf den Bürgersteig verirren. Weiter draußen erobert die Natur ganze Dörfer zurück. Mancherorts sind nur noch vereinzelte Häuser bewohnt, und jeder weiß, auch wenn es nicht jeder sagt: Der letzte Mensch wird hier bald verschwunden sein. Das Land wäre dann leer. Kein schlechtes Land. Es könnte etwas wärmer sein. Aber es gibt Platz, Wasser im Überfluss, Felder und Wild. Schöne Seen. Und die letzten Ureinwohner würden sich sicher ebenso gern bestechen lassen wie die Fantasie-Ureinwohner aus der Werbung . Dann hätten die Siedler freie Hand, ihr Ding zu machen. Ohne lähmende Bürokratie. Ohne Gesetze, die keiner versteht. Ohne GEZ. Dafür mit viel Freiheit. Ein bisschen Abenteuerlust. Vielleicht einer Art steuerfreien Sonderwirtschaftszone. Mit Neuem. Eigenem. Mit der Chance, ganz anders zu fragen als gewohnt. Nämlich: Wie würden wir gern leben, wenn wir bei Null anfangen dürften?
Filed under  //  Auswandern   Freiheit   Yessay  

Comments (9)